Kann man seinen Erinnerungen trauen? Buchtipp aus Simbabwe. 

Bereits vor einigen Jahrhunderten formulierte Michelangelo: „Gott hat der Hoffnung einen Bruder gegeben. Er heißt Erinnerung.“ Diese Erinnerung ist das zentrale Thema in dem Roman der afrikanischen Autorin, Petinah Gappah. Im englischen Original heißt das Buch: „The book of Memory“. Deon Meyer, Malla Nunn, Mike Nicol – das sind nur drei der Bekannteren unter den vielen afrikanischen Autoren, die  mittlerweile ihr Publikum bei uns gefunden haben. Kürzlich habe ich mit Petinah Gappah eine neue Autorin auf einer Lesung im „Eine Welt Haus“ in München kennengelernt. Sie macht sich auf auch die deutschsprachigen Leser zu erobern mit ihrem ersten Roman „Die Farben des Nachtfalters“.

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Petina Gappah mit Fridolin Dietrich

Der Nachtfalter, auch Biston betularia genannt war als weiße Variante im vorindustriellen England weit verbreitet; die hellen Stämme der Birken boten dem schwarz gefleckten Falter reichlich Tarnung. „Als im Zuge der industriellen Revolution die Bäume verrußten, passte er sich der Umwelt an und färbte sich schwarz. Erst später, als die Luft wieder sauberer wurde, kehrte das weiße Exemplar mit seinen schwarzen Sprenkeln zurück.“ so erzählt es Petinah Gappah.

Diese darwinsche Anpassung liefert dem ersten Roman der 1971 in Simbabwe geborenen Schriftstellerin Petina Gappah, die 2009 mit der viel gepriesenen Storysammlung „An Elegy for Easterly“ debütierte, den Rahmen. „Die Farben des Nachtfalters“  geht auf eine Nachricht aus dem Jahr 2007 zurück, derzufolge in Simbabwe eine einzige Frau in der Todeszelle saß und auf die Vollstreckung ihres Urteils wartete. Eine unvorstellbare Einsamkeit, die Petinah Gappah zu einer Geschichte inspirierte, die nur vordergründig Gewalt, Willkür und Korruption in den Gefängnissen des einstigen afrikanischen Hoffnungsträgers in den Blick nimmt.

Petina Gappah wuchs mit ihrer Muttersprache Shona auf und besuchte schon vor der Gründung Simbabwes eine englischsprachige Schule im von der Rassentrennung geprägten Rhodesien. Sie studierte Rechtswissenschaften an der University of Zimbabwe, der University of Cambridge und promovierte an der Universität Graz. Heute arbeitet sie als Juristin und Journalistin in Genf. Zwischen 2010 und 2013 wohnte sie mit ihrem Sohn wieder in Harare. Als Kind las Petinah Gappah alle Agatha Christi Romane mit Hercule Poirot. Sie ist eine begeisterte Leserin, das zeigt auch Ihre Antwort auf meine Frage was Sie denn für Erinnerung an Simbabwe heute habe.

„Meine Erinnerungen sind sehr stark mit meiner Jugend verbunden. Ich kann mich sehr gut – fast bildlich – an diese Zeit erinnern. Und Lesen war damals die größte Freude für mich. Wir hatten nicht viele Spielzeuge und auch nicht viele Bücher. Aber es gab eine Leihbibliothek, und da las ich alles was mir in die Finger kam.“ Über Politik äußert Sie sich vorsichtig. Auf die Frage nach Apartheid in Simbabwe antwortete Sie schmunzelnd: „Wir hatten schon Apartheit gehabt, aber nur ein bisschen, denn es gab ja nicht genug Weiße um das Apartheidssystem wirklich aufrechtzuerhalten.“ Zu den heutigen Problemen des Landes und des Kontinentes Afrika hat sie eine klare Meinung. „Wir können den europäischen Kolonialherren nicht für alles die Schuld geben. Heute müssen wir uns bei unseren Problemen selbst an die Nase fassen.“

I am an expatriot in a white country.

Ihr erster eigener Roman heißt „Die Farben des Nachtfalters“ und wurde 2015 in Englisch veröffentlicht. Er beginnt mit Memory, die schwarz und doch nicht schwarz und weiss und doch nicht weiss ist. Sie sitzt in einer Todeszelle in Simbabwes berüchtigtem Gefängnis Chikurubi und wird des Mordes an ihren „Besitzer“ Lloyd angeklagt, denn der hat Sie – so hat Memory es in Erinnerung – mit neun Jahren den Eltern abgekauft.

img_0431Vor dem Hintergrund der Geschichte Simbabwes entwickelt sich ein Roman über das täuschende Spiel der Erinnerung so fesselnd wie ein Krimi. Für eine amerikanische Reporterin, die sich für ihren Fall interessiert, schreibt Memory ihre Geschichte auf. Es ist ein Schreiben um Leben und Tod. Memory ist eine weiße Schwarze, eine Albino, die bis zu ihrem 9. Lebensjahr in einer Township aufwuchs. Dann, so glaubt sie, wurde sie von ihren Eltern an den reichen weißen Großgrundbesitzer Lloyd Hendricks verkauft. Er kümmerte sich liebevoll um sie und ermöglichte ihr eine erstklassige internationale Ausbildung. Jetzt ist er tot und Memory des Mordes an ihm angeklagt. Wer war Lloyd Hendricks wirklich? Kann Memory ihren Erinnerungen trauen?

Wer Antworten auf die Fragen haben möchte, das Buch gibt es hier. Wer mehr über afrikanische Literatur lesen will empfehle ich das Literaturportal AfrikaRoman.

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