Eine Kathedrale der Kunst

Das Zeitz-Mocaa Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst in Kapstadt

Der Unterschied könnte kaum  größer sein. Draussen das typische klare, scharf konturierte Licht eines Kapstädter Herbsttages, ein Stimmengewirr von Touristen, die Kakophonie der Möwen, die unablässig durch die Häuserschluchten der Waterfront segeln. Drinnen eine farblich leicht gedämpfte, fast sakrale Ruhe, als wäre man inmitten einer riesigen Orgel gelandet.

42 ehemalige Maisilos

Gebaut in den frühen 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, um den Mais der weissen Siedler in 33 Meter hohen Silotürmen zwischen zu lagern. Sie bieten heute in 60 eigens installierten Räumen Heimat für die wohl aussergewöhnlichste Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst der Gegenwart. Weit ab der bisher bekannten meist ethnologischen Kunst, die wir aus unseren heimischen Museen kennen.

Lange Zeit bildeten diese Silos das höchste Industriegebäude Südafrikas, bevor sie 2001 ausser Betrieb genommen wurden. Weithin sichtbar prägt diese Industriearchitektur fast ikonographisch nicht nur das Bild Kapstadts, sondern ein Vielzahl anderer südafrikanischer Städte und Landstriche.

Museum und Wahrzeichen

So ist das umgebaute Silo in Kapstadt nicht nur ein Museum, sondern auch ein Wahrzeichen der Stadt. Früher einmal wurde hier der Reichtum Afrikas verschifft, heute bekommt man am selben Ort einen Einblick in einen anderen Schatz, die vielfältige Kunstproduktion des Kontinents. Afrikanische Kunst ist immer auch ein Stück afrikanischer Kolonialgeschichte. Ihr etwas entgegenzusetzen, hatte man sich mit der Errichtung dieses Museums vorgenommen.

Kunst zwischen Gegenständlichkeit und Botschaft

Nandipha Mntambo etwa, eine Künstlerin aus Swasiland, die aus gegerbten Kuhhäuten eindrucksvolle Roben macht oder der smarte Athi-Patra Ruga, dessen florale Figuren in opulentem Gold den ganzen Gegensatz in Afrika versinnbildlichen sollen. Mir gefallen die hängenden Ziegelsteine von Kendall Geers, einem noch heute lebendem Südafrikanischen Künstler. Er schreibt dazu:

„In diesem neu erfundenen Vokabular wurden zerbrochene Flaschen, Ziegel, Stacheldraht, Elektrozäune und andere Alltagsgegenstände zu aktiven Protagonisten in einer viel größeren Erzählung, die jenseits der Grenzen des White Cube existierte.“

Auffallend auf unserem Rundgang durch die sieben Stockwerke sind auch die Gegenwärtigkeit von Aggression und kriegerischen Auseinandersetzung im Kampf um Freiheit und eigene Identität auf dem afrikanischen Kontinent.

Lungiswa Gqunta, 28 Jahre alt,Arbeit liefert einen Kommentar zu den Werkzeugen der Trennung und Unterdrückung, wobei sie vertraute und häusliche Objekte verwendet werden, die, wenn sie kombiniert werden, zu Waffen werden. Betttücher, Bierflaschen und Zündhölzer bilden Benzinbomben nach und verweisen auf die Mobilisierung von Widerstands- und Handlungsmodellen.

Auch die Kunst mit Gegensätzen Erlebnisse und Wahrnehmungen zu verstärken, ist bei diesem Museum  besonders ausgeprägt. Das strengt an und nimmt einen auf emotionaler, architektonischer, künstlerischer und räumlicher Ebene mit. Was hier alt ist und was neu, ist nicht so leicht auszumachen. Eine einst rein funktionale Architektur präsentiert sich heute in beinahe sakraler Erhabenheit. Eine Kathedrale für den Glauben an den afrikanischen Kontinent und ein Museum für das Selbstbewusstsein der afrikanischen Kunst.

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